Die ganze Fassade des Residenzschlosses ist farbenfroh angestrahlt, davor schlendert eine dichte Menschenmenge in Winterjacken über den Platz.

Ich hoffte, mich mitreißen zu lassen

Eigentlich sollte hier eine Galerie stehen. Fünfzehn, zwanzig fantastische Bilder im Dunkeln, mit Licht und Farbe, so wie ich sie vorher auf Instagram gesehen hatte. Alles schön instagramable, schön in der Sättigung nachbearbeitet. Ich hatte die Kamera vorbereitet, das alte Weitwinkel von der 7D samt Adapter eingepackt und mir sagen lassen, welche Einstellungen nachts funktionieren. Ich war bereit.

Geworden sind es sechs.

Hier ist es noch dunkel.

Der Turm des Braunschweiger Rathauses ist nachts violett angestrahlt, darauf leuchtet in weißer Schrift „Festival of Lights Braunschweig“.
Das Braunschweiger Rathaus ist nachts blau angestrahlt, feine Lichtlinien und Sterne ziehen über Turm und Fassade, vorne die Köpfe der Zuschauenden.
Das Säulenportal des Residenzschlosses leuchtet nachts in Gelb, Türkis und Rosa, unten stehen Familien und Spaziergänger vor dem hell erleuchteten Eingang zum Einkaufszentrum.
Das Braunschweiger Residenzschloss ist nachts über die ganze Front mit bunten Blüten- und Blättermotiven angestrahlt, davor eine Menschenmenge.
Die ganze Fassade des Residenzschlosses ist farbenfroh angestrahlt, davor schlendert eine dichte Menschenmenge in Winterjacken über den Platz.
Das bunt angestrahlte Residenzschloss im Querformat, vorne grüne Fußgängerampeln, Laternen und viele Menschen auf dem Platz.

Ein Lebkuchenhaus und ein paar Lücken

Ende Oktober wurde in Braunschweig zum ersten Mal das Festival of Lights veranstaltet, als Ableger aus Berlin. Zwölf Orte in der Innenstadt waren beleuchtet, vom Schloss über den Dom bis zum Gewandhaus. Richtig bewegt hat sich aber nur etwas an zwei Gebäuden. Am Rathaus gab es Animation, dazu Musik, die so pling-pling klang, als wäre sie GEMA-frei.

Die Animationen am Rathaus waren gut gemacht, keine Frage. Aber für mein Gefühl war es eben einfach farblos und lieblos. Als sich das Rathaus in ein Lebkuchenhaus verwandelte, war die Menge fast nicht mehr zu bändigen. Das war schon ein Highlight.

Zwischendurch sah das Rathaus aus, als hätte es Lücken. Wahrscheinlich wollte man damit erzählen, dass es im Krieg zerbombt oder zumindest beschädigt wurde. Wahrscheinlich. Für 12 Euro konnte man eine Führung buchen, die einem das erklärt. Der Preis ist in Ordnung. Nur: Wenn ich bei einer solchen visuellen Veranstaltung jemanden brauche, der mir die Geschichte erzählt, dann ist da irgendwas falsch.

Bin ich schon verblendet?

Ich langweilte mich. Um mich herum war die Begeisterung groß, sie zog sich durch Instagram und durch den Fernsehbericht. Ich lasse mich gerne begeistern. Bei Sachen, die neu sind, die schön sind, bin ich als Erste ganz vorne mit dabei.

Deshalb hat mich das schockiert. Ich habe die Schuld bei mir gesucht: Bin ich schon so technisch verblendet? Ich arbeite jeden Tag mit Animationen, ich sehe jeden Tag, wozu KI heute in der Lage ist. Holt mich so etwas überhaupt nicht mehr ab?

Dann dachte ich an Frankreich. In Straßburg gibt es an der Kathedrale immer wieder diese Show, ungefähr eine halbe Stunde lang. Die Kathedrale wird so animiert, dass man Dinge an ihr entdeckt, die man vorher gar nicht gesehen hat. An der Loire wird die Geschichte der Könige erzählt, mit ein bisschen Erklärung in der Animation. Im Grunde kam das mit relativ wenigen Worten aus, mit ein paar Jahreszahlen, die darum herumflitzten. Man steht zusammen, das Licht geht an, die Musik setzt ein, und man wird mitgenommen.

Ich weiß nicht, ob das ein Braunschweiger Phänomen ist. Vielleicht ist es ein deutsches.

Voll war es in Braunschweig trotzdem. So voll, dass ganze Familien in einer Reihe die komplette Straße versperrt haben. Wenn eine Veranstaltung keine Geschichte erzählt, schreibt sich eben jeder seine eigene. Die geht dann quer über die Straße.

Wo stecken die Geschichten?

Natürlich ist die Kathedrale in Straßburg mehrdimensional in ihrer Mauer. Aber ich glaube, so etwas hätte man auch am Braunschweiger Rathaus entdecken können. Oder am Dom, an der Burg Dankwarderode, am Altstadtrathaus. Möglichkeiten gibt es viele. Man muss sich nur fragen: Wo haben wir möglichst viele Facetten, um Geschichten zu erzählen, und nicht einfach nur Bilder auf die Wände zu ballern?

Ballern konnten sie. Platzmäßig, bildmäßig waren die Bilder richtig berechnet, die saßen genau, wo sie hingehörten. Das Handwerk ist anspruchsvoll: Abstände, Vorsprünge in der Mauer, wo wirkt was. Mit Hilfe von KI ist das heute wesentlich einfacher als noch vor zwei, drei Jahren.

Nur sind es in Braunschweig immer dieselben Figuren. Der Löwe ist mit dabei, und dann kommt der Eulenspiegel noch mal um die Ecke gelatscht. Hier noch ein Wappen, dort dies und jenes. Man muss ja nicht immer zwanghaft die Geschichte von Braunschweig aufarbeiten, rein chronologisch aus dem Geschichtsbuch. Könnte es nicht einfach um wirkliche Braunschweiger gehen? Nicht immer die Originale, die man schon x-mal rausgenudelt hat. Gibt es nicht auch andere Geschichten, kleine, feine? Ich bin sicher, davon gibt es jede Menge.

Die Wand, an der alle vorbeirannten

Am New Yorker hängt eine große LED-Wand. Dort liefen Arbeiten von Studierenden der Ostfalia, die da aktiv geworden sind, vermutlich auch mit KI. Auch hier ging es um Braunschweig, mit verschiedenen Facetten. Ich wollte das unbedingt sehen.

Ich bin schon ganz am Rand gegangen, damit ich nicht störe, wenn ich gleich stehen bleibe. Trotzdem war mein Stehenbleiben irgendwie irritierend für die Leute hinter mir. Alle anderen rannten vorbei. Vielleicht, weil es sie nicht angesprochen hat. Vielleicht, weil es aussah wie Werbung. Wenn es Werbung ist, rennen Menschen ja aus Prinzip vorbei.

Ich finde es total toll, dass die Studierenden sich auf dieser Wand austoben konnten. Aber es ist eben eine LED-Wand, gebaut für Werbung, und da wird jede Arbeit schnell zum Spot. So ist es irgendwie untergegangen.

Was Kulturschaffende könnten

Ich habe eine hohe Meinung von Kulturschaffenden, die mit Bildern Geschichten erzählen können. In meiner Bubble kenne ich viele, die es schaffen, mit wenigen Bildern wunderbare Geschichten zu erzählen. Viele von ihnen machen sich gerade Sorgen um ihre Zukunft, weil es heißt, KI werde sie ersetzen.

Ich würde mir wünschen, genau diese Leute einzubeziehen, vielleicht auch Braunschweiger Künstler:innen. Ich weiß nicht, ob das passiert ist. Ich sehe es aber als Aufruf an alle Kulturschaffenden, sich dem Thema KI zu nähern, statt sich zu entfernen, weil sie das Gefühl haben, ausgebootet zu werden. Bei dem einen oder anderen mag das so sein. Ich sehe trotzdem riesige Chancen. Wenn ich jemandem, der wirklich Talent hat und wirklich etwas zu erzählen hat, einen KI-Account und ein Budget für KI-Videos gebe, da kommen doch geile Sachen bei raus. Ich kann mir das gar nicht anders vorstellen.

Wer technisch denkt, sagt: „Wenn wir da jetzt von Blau nach Rot gehen …“ Wer künstlerisch denkt, sagt: „An der Stelle brauche ich einen Schatten. Der muss sich so und so bewegen.“ Der fragt sich, wie er animieren kann, was er im Kopf hat, und wie er die Technik dafür einsetzt, damit diese Geschichte erzählt wird.

Vielleicht ist das der Missing Link: Wenn ich eine Mission habe, eine Botschaft, wie weit bin ich bereit, da reinzuspringen? Liebe und Herzblut reinzustecken und wirklich mit dem Wunsch verbunden zu sein, diese Geschichte zu erzählen?

Drei Tage bunt

Vielleicht ist es auch einfach ein Event, bei dem es darum geht, möglichst viel bunt zu machen. Dann steht da ein Sponsor und sagt: Wir sind ein toller Sponsor, eröffnet ein Konto bei uns, kauft unser Produkt. Oft sind es ja Banken und Versicherungen, die so etwas sponsern. Gut, dass es das gibt, gerade in der Kunst. Aber es ist so ein bisschen zu sehr ein Wegwerfding.

Ich kann mir vorstellen, dass die Leute beim nächsten Mal sagen: „Ach ja, dann ist das Theater halt mal eben drei Tage bunt.“ So wie das Brandenburger Tor in den Farben der Ukraine leuchtet oder für einen Staatsbesuch die Flagge eines Landes trägt. Das ist ein Signal. Mehr nicht.

Dabei wird Licht an Fassaden bald selbstverständlich sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Geschäft in der Stadt irgendwann eine Lichtgeschichte ans Haus gegenüber wirft. Lieschen Müller leuchtet ihr Haus an, weil Weihnachten wird, und packt einen Weihnachtsmann drauf. Es gibt ja mittlerweile schon so kitschige Sachen zu kaufen. Das ist so schade, weil ich einfach mehr erwarte.

Mein Gegenentwurf

Weniger Gebäude. Dafür wirkliche Hotspots, richtig animiert, jedes Jahr mit einem anderen Fokus und so gut durchdacht, dass es keine Führung braucht und keinen Audioguide. Dann hätte ich mich vielleicht mitreißen lassen, und ihr hättet hier jetzt eure Galerie.

Vielleicht heißt es jetzt: Sandra, das war doch erst mal der erste Versuch. Ja, der erste Versuch. Aber warum kann man nicht gleich damit auch wirklich ein Zeichen setzen für Geschichten und Kultur?

Jetzt seid ihr dran: Wann hat euch zuletzt etwas wirklich mitgerissen? So richtig, dass ihr ganz unerwartet davorgestanden und gestaunt habt: Ist das toll, ist das fantastisch? Schreibt es mir in die Kommentare.

Vielleicht war es ja sogar dieses Festival. Nur für mich war es nichts.

Sandra Dirks – Grußformel am Schluss des Artikels

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