Sandra Dirks - Profilfoto

Der Oma Erika Keil oder Selbsthilfe beim Ärmel fürs Lipödem am Oberarm

Meine Oma Erika hat mir das Nähen beigebracht. Schon als kleines Mädchen saß ich ganz gespannt bei Besuchen neben meiner Oma Erika, wenn sie wie von Geisterhand Kleidung produzierte. Sie strickte in Windeseile per Hand oder mit der Strickmaschine und nähte außerdem so viel und so schnell, dass es einem vor Begeisterung schwindelig werden konnte.

Am Vormittag wurde Stoff gekauft oder Oma fand einen coolen Stoff in ihrer Stoffkiste und daraus nähte sie etwas für mich. Abends oder spätestens am nächsten Morgen war der neue Fummel fertig. Sensationell. Manchmal nähte sie auch etwas für meine Mutti, so dass wir im Sommerurlaub manchmal ähnliche Kleider oder Röcke hatten, die sich zwar vom Schnitt unterschieden, aber immer den gleichen Stoff hatten. 

Sehr viel öfter änderte sie unsere Kleidung ab, wenn mal etwas nicht richtig passte. Kürzte sie Hosen, tauschte Reißverschlüsse, ließ ein bisschen Nahtzugabe raus oder schnitt etwas weg. Manchmal zeigte sie uns stolz ein Schnäppchen, das sie für sich mit ein bisschen Magie abänderte, um es passend zu machen. 

Mit 14 begann ich auch endlich zu nähen und lernte viel. Während ich den Näh- und Handarbeitsunterricht am Gymnasium wegen Hausfrauenalarms und Spießigkeit abgrundtief hasste, konnte ich es nicht erwarten, eigene Sachen zu nähen. Dazu berichte ich sicher mal in einer anderen Geschichte. 

Was ich aber mindestens sagen muss, ist, dass bei mir ganz viele Nähprojekte furchtbar schiefgingen oder absolute Grütze waren. 🫣🫣🫣
Ich wollte schon fast aufgeben, aber Oma Erika rettete die meisten Teile durch interessante Einsätze, die nicht selten Ähnlichkeit mit Keilen oder besser gesagt, doppelten Keilen hatten. Für die Freunde der Süßigkeiten könnte man eher sagen: die Form eines Nappos. Gibt es das noch? Freunde der gepflegten Mathematik sprechen hier von einem Dreieck und einem Parallelogramm. ☝️

Zum Glück rettete Oma die meisten Projekte, denn manchmal hatte ich mir den Stoff zusammengespart. Zu schade, um die Projekte als unbrauchbar abzuschreiben. 

Was war das Problem?

Oft zwickte es an Armen oder Oberschenkeln, trotz intensiver Messung, und Oma wusste, wie man das relativ elegant und fast unsichtbar retten konnte. Diese Probleme kannte sie vom Anpassen ihrer eigenen Kleidung. 

Damals, mit 16 oder 18 verstand ich noch nicht, was da los war, in meinem Körper. Klar, ich hatte immer schon kräftige Oberschenkel und die Arme waren – sagen wir mal – etwas kräftiger, aber o.k. Damals schob man das alles auf die Pubertät und dass sich das alles schon richten würde. Weibliche Formen, ich war nicht wirklich dick. 

In meinen 20ern verstärkte sich das Problem und ich verstand irgendwann, dass ich Nähprojekte eigentlich gleich wegwerfen konnte, wenn ich Schnittmuster von Burda verwendete. Sie waren für mich eine Katastrophe, weil sie so stark verändert werden mussten, dass ich schon keine Lust mehr aufs Nähen hatte. Manche Teile erstreckten sich dann von Größe 40 – 48. Biste irre. 

Bereits für Größe 44/46 hatte man bei Burda damals sehr viele hängende Gewänder im Angebot. Stattdessen hätte man sich auch gleich wahlweise ein Tipi oder einen Kartoffelsack überwerfen können. Das ist heute zum Glück anders. 
Damals war ich begeistert, als ich die ersten Schnittmuster von Vogue und Butterick fand. Es machte es so viel leichter, obwohl es nach wie vor immer wieder etwas an Oberschenkeln und Armen anzupassen gab. Aber für mich waren diese Schnittmuster das Allergrößte. Es gab sogar elegante Outfits in diesen Größen, und es waren nicht einfach lieblos zusammengeklatschte Stoffstücke, die ihre Trägerin verhüllten und sie in die Unsichtbarkeit verdammten. 

Aber Oma Erika sah das eigentliche Problem schon damals kommen und unterwies mich in der Technik des Abänderns mittels Spezialkeil. Außerdem zeigte sie mir, wie ich beim Zuschneiden von Ärmeln und Hosenbeinen vorgehen musste, um Volumen einzuarbeiten. Allerdings gab ich das Hosennähen schnell wieder auf und das habe ich mir bis heute bewahrt. Alles außer Hosen!

Vielleicht schütteln sich gleich die schneidertechnisch kundigen Lesenden und wenden sich angewidert ab. Oma Erika zeigte mir auch, wie ich mehr Volumen in Ärmel oder Beine bekam, wenn ich ein gekauftes oder verschnittenes Stück retten wollte.

Oma vermutete, dass ich das eines Tages wirklich sehr gebrauchen könnte, weil sie einfach sah, wie sich mein Körper formte und veränderte. Sie fand Parallelen zu ihrem eigenen Körper. Es nervte mich manchmal sogar, wenn sie mir dazu etwas sagen wollte. Ich wollte es nicht hören. 

„O weh, diese dicken Beine, das wird bestimmt diese Elefantenbeine-Krankheit, die hast du wohl von mir, Sandra-chen.“ Sie litt sehr darunter, dass sie es mir vererbt haben könnte, und besonders in ihren letzten Lebensjahren hat sie das sehr beschäftigt. Ich habe und hätte ihr nie einen Vorwurf gemacht, aber ich wollte es auch nicht hören. Es war eben so. Ich fand mich trotzdem hübsch und es würde schon so gehen.   

Sie konnte es nicht benennen, aber für sie war es die Elefantenkrankheit, von der sie im TV gehört hatte. Heute weiß man über all diese Dinge mehr. Nein, die Elefantiasis haben wir nicht, liebe Oma Erika, falls du das jetzt an einem anderen Ort hörst. Wir haben ein Lip-Lymphödem und heute gibt es tolle Therapien und Ärzte. Ich wünschte, ich könnte dir das sagen.

Zu einer Zeit ohne Google, in der Ärzte solche Erscheinungen kommentierten, mit „Sie müssen abspecken, Frau Erika!“, hat meine Oma sich oft über Schmerzen in den Beinen beklagt, wie ich sie auch zur Genüge kenne. Mit dem Unterschied, dass ich mich heute damit verstanden fühle. Das mögen andere Patientinnen mit Lip-/Lymphödem anders sehen, aber ICH fühle mich jetzt verstanden, weil ich tolle Ärzte und Ärztinnen habe, die die Sache und mich sehr ernst nehmen. Sie nehmen mich damit sogar ernster als ich mich selbst in dieser Sache. Für mich ist es – und ich kann hier nur für mich sprechen, bitte das nicht falsch verstehen – einfach ähnlich nervig wie meine Pollenallergie, die ich im Laufe der Jahre gut in den Griff bekommen habe. Daran arbeite ich gerade jetzt auch mit dem Lip-/Lymphödem, aber ohne, dass ich das als Krankheit betrachte. 

Mein Lip-/Lymphödem ist ein Zustand, der zu mir gehört und der seine Bedürfnisse hat. Nicht mehr, nicht weniger. So sehe ich es heute und das fühlt sich für mich stimmig an. Dazu brauche ich keine Diskussion, denn das ist eine persönliche Sicht auf diesen Zustand. 

Nur so viel als Vorgeschichte. 

Wie geht das jetzt mit dem Oma-Erika-Keil?

Für mein neues Kleid, das ich in Gr. 48 gekauft habe, statt noch wie in den vergangenen Jahren in Gr. 52, hatten meine Oberarme allerdings das Bedürfnis nach Ärmeln in Gr. 56, wenn man es akkurat betrachtet. Ich wollte dieses Kleid und ich vermutete ohnehin, dass es zu lang sei.  

Also hatte ich schon den Keil im Sinn, als ich das Kleid orderte. Alle Teile mit engerem Ärmel aus nicht elastischen Stoffen kann ich mir grundsätzlich abschminken. Aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und so bestellte ich das Kleid. Hosianna! Und der Herr half: 

Das Kleid war zu lang. Ich hatte genügend Material für zwei Keile. Wie wunderbar. Ich behielt das Kleid und legte los. 

Ich kürzte das Kleid erstmal um 8 cm. Inklusive aller Nahtzugaben schnitt ich 13 cm Stoff ab. Das reichte wunderbar für zwei coole Oma-Erika-Keile mit jeweils 35 cm Länge und einer Breite von neun Zentimetern an der breitesten Stelle. 

Der 2. Schritt war das Auftrennen der Ärmel an der Naht und des oberen Teils der Seitennähte. Damit sicherte ich mir ein bisschen Freiheit im Bereich der Achselhöhlen. Vielleicht war ich bei der Oberweite doch zu euphorisch im Sinne von: „Ach, ich habe einen viel zu kleinen Busen, das passt schon.“ 

Ähm, nicht ganz, aber mit Keil wurde es super. Außerdem lässt sich ein etwas längerer Keil viel sicherer anbringen. 

Ich maß die Länge, die ich benötigte, und die breiteste Stelle. Am linken Arm brauchte ich sechs Zentimeter mehr, am rechten Arm nur vier. Für den Komfort rechnete ich auf jeder Seite noch 2 cm inkl. Nahtzugabe dazu. Im Nachhinein kann ich sagen, dass das eine fabelhafte Idee war. Jetzt ist es an beiden Seiten die genau richtige Breite. 

Dann versäuberte ich die Keile mit der Overlock. Allerdings war das unnötig, denn ich nähte die Keile ohnehin gleich mit der Overlock an die Seitennaht an. Klar, ich bin genauso schnell wie Oma Erika.

Ganz ehrlich: Ich war einfach zu faul, zu diesem Zeitpunkt die normale Nähmaschine aus dem Schrank zu nehmen. Wenn du aber von der akkuraten Sorte bist, dann versäuberst du die Nähte, dann die Doppelkeile, und dann nähst du das alles mit einem soliden Steppstich zusammen. 

Das sieht dann alles so aus: 

Jetzt fiel mir beim Betrachten des Kleides im Onlineshop auf, dass das Model auf dem Bild  einen Umschlag unten am Ärmel trug. Das gefiel mir außerdem ausgesprochen gut, und da kurze Ärmel für mich immer knapp über den Ellenbogen reichen sollen, vermisste ich den Umschlag bei der Ankunft des Kleides. Wollte ich das Kleid wirklich wegen des fehlenden Umschlags wieder zurück nach China schicken? Auf keinen Fall. 

Ich bediente mich aus den Resten des Saumes und nähte Umschläge an die Ärmel. Jetzt ist es toll, mein Kleid.

Der vorgesehene Gürtel passt nicht so gut, aber vielleicht in fünf Kilo? Also, wenn ich noch weitere fünf Kilo verloren habe, dann teste ich das mit dem Gürtel noch einmal. 

Die Farbe ist schräg, und eigentlich nicht mein Ding, aber ich mag das Kleid sehr. Ja, es ist von Stylewe und ich werde dafür womöglich in der Hölle schmoren, aber die Qualität ist toll und es lässt sich toll tragen. Was will ich denn mehr?  

Kennst du auch solche Nähtricks von deiner Oma? Dann lass es mich unbedingt unten in den Kommentaren wissen.

Sandra Dirks – Grußformel am Schluss des Artikels

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert